Ein normaler Werktag in den Braunschweiger Schloss Arkaden: Mit
dem auffäligen Unterschied, dass sich im Untergeschoss des Shoppingtempels eine
bunt gemischte Menschenkette von mehreren hundert Leuten in Richtung Saturn
Markt schlängelt, wo ein großer, grinsender Glatzkopf, adrett in Anzug und
Krawatte, Autogramme verteilt und sich freundlich für Fotos zur Verfügung
stellt.

Er nennt sich der Graf, ist Sänger der Gothic-Pop-Band Unheilig
und derzeit auf Elektronikmarkt-Tour, um Fans zu empfangen und sein neues Album
„Große Freiheit“ unters Volk zu bringen. In Zeiten der zusammenbrechenden
Musik- Industrie muss man sich eben etwas einfallen lassen. „Im Grunde bin ich
ja auch nur ein Künstler, der sich wünscht, von Menschen gehört zu werden. Es
gibt keinen Maler, der ein Bild malt und sich nicht wünscht, dass es andere
sehen“, erklärt uns der Graf am Vormittag im Saturn-Hinterzimmer bei Kaffee und
Kuchen. „Und wenn jemand mich fragt, sei es RTL oder MTV, ob ich was mit denen
machen möchte, dann sage ich natürlich ja.“

Bis vor kurzem war Unheiligs opulent arrangierter Deutsch-Rock
eigentlich nur innerhalb der Gothic-Szene Thema. Die „Große Freiheit“ spülte
die Band jetzt auf Platz 1 der Charts. So trat der Graf im ARD Morgenmagazin
auf, besuchte „Frank, den Weddingplaner“, performte auf der Teeny-Chart-Orgie
„The Dome“ und steuerte die aktuelle Single „Geboren, um zu leben“ zu einer
Betroffenheitsdoku über behinderte Menschen auf RTL2 bei. „Ich kann Menschen
verstehen, die da ein Problem mit haben. Andererseits: Ich hab die Show vorher
gesehen, und in meinen Augen war das auch keine Freak-Show. Mir war aber auch
vorher klar, Unheilig bekommt jetzt eine ganz neue Form von Aufmerksamkeit.“
Wichtig bei all dem Rummel ist es dem Grafen nur, sich treu zu
bleiben. „Ich komme aus der schwarzen Szene, ich nenne mich auch immer noch
Unheilig – ich finde diesen Weg gut, auch wenn andere was dagegen haben, dass
das Video auf MTV und Viva läuft.“ Finanziell lohnt sich der Aufwand allemal.
Weitere Informationen unter http://www.unheilig.com/
Text: Benyamin Bahri
Foto: Pressefrei (Mit freudlicher Unterstützung von SUBWAY)
Verfasst am:
Freitag, 30. Juli 2010
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